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Kastanienallee

Ich borgte mir gerne deine Geschenke.
Das machte dich wütend, mich störte das nicht.
Deine Schokolade, sie schmeckte wie meine.
Dafür hast du stets das größere Stück erwischt.
Erinnerst du dich an die Laube im Garten,
wo der Haselstrauch wuchs, vielleicht waren’s auch zwei?
Und im Hof roch’s nach Fisch und in der Küche nach Kuchen,
und wenn wir uns zankten, dann gab’s viel Geschrei.

So oft stand ich schüchtern hinter dir, meiner Schwester.
Und so oft war ich eben das kleinere Kind,
das nie tat was du sagtest, diese furchtbare Plage,
die mit falschen Tränen die Leute für sich gewinnt.
Erinnerst du dich an unsere blauen Flecken?
Meine offenen Knie sind lange verheilt.
Und im Hof roch’s nach Fisch und in der Küche nach Kuchen,
und frühmorgens hab ich mich niemals beeilt.


Und ständig trug ich nur getragene Sachen.
Sie war’n dir zu klein und mir noch zu groß.
Mit Knallerbsen warf ich nach dir immer wieder.
In der Tür quetschtest du mir manches mal meinen Fuß.
Erinnerst du dich an die Kastanienallee?
Jeden Baum kannten wir, jedes Blatt, jeden Stein.
Und im Hof roch’s nach Fisch und in der Küche nach Kuchen.
Hörst du uns grölen? Hörst du uns schreien?